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Klingt so das Weltall?

Klingt so das Weltall?

Konzertkritik in der Main Post, 21.06.2016

Klingt so das Weltall?

Wer am Sonntagabend am Schweinfurter Rathaus vorbeiging, dachte möglicherweise, dass sich im Innern des Gebäudes ein großes Percussion-Ensemble austobte. Doch da saß nur ein einziger Mann auf der Bühne der historischen Rathausdiele, allein mit wenigen Instrumenten: Mohammad Reza Mortazavi, der Solopercussionist iranischer Herkunft, gastierte auf Einladung des Kulturpackts im Begleitprogramm der Ausstellung „Orient trifft Okzident“.

Angekündigt war Mortazavi als „einer der besten Handtrommler der Welt, möglicherweise sogar der Beste“, so Gerald Günter von Veranstalterseite aus. Und das erwies sich als nicht übertrieben: Was der 1978 in Isfahan geborene Künstler im Laufe der nächsten beiden Stunden auf die Bühne zauberte, kann man nur als Feuerwerk bezeichnen.

Nicht mit dem Kopf erfassen

Man solle seine Musik nicht mit dem Kopf erfassen, sondern einfach loslassen und eins werden mit dem Geschehen, hatte Mortazavi dem Publikum auf die klangvolle Reise in den Orient mitgegeben. Ließ man sich darauf ein, konnte man Zeuge eines unglaublichen Konzertereignisses werden: Leise und dumpf eroberten die ersten Töne auf der traditionellen persischen Tombak, einer kelchförmigen Bechertrommel, den Raum.

Dann änderten sich diese Klänge, wurden grell, nahmen Höhe und Tiefe an, erinnerten an Synthesizermusik. Es begann auf der Bühne zu glucksen, zu grummeln und zu perlen, wie Sphärenmusik war das – klingt so das Weltall?

Der in Deutschland ansässige Trommler schlägt und streichelt, schabt und kratzt, wischt, klopft, reibt und hämmert aufs Instrument. Er nutzt dazu alles, was eine Hand so bietet: Fingernägel, -spitzen, -kuppen, Handflächen, Knöchel, auch die ganze Faust wird eingesetzt. Und natürlich die Finger als Ganzes – fast scheint es, also könne er einzelne Fingerglieder gleichzeitig und unterschiedlich einsetzen.

So entsteht ein ganzer Kosmos an differenzierten und vielfältigen Sounds, wobei Mortazavi Fell wie Rand und Rahmen der Instrumente nutzt. Im weiteren Verlauf des Abends wechselt er von Tombak zu Daf, einer Tamburin-ähnlichen Rahmentrommel mit beziehungsweise ohne Metallringen auf der Innenseite.

Das klingt dann mal wie wispernde Geister, eine murmelnde Menschenmenge, wie prickelnde Luftbläschen, prasselnder Regen oder eine schnurrende Katze; es kann aber auch Theatereffekte wie beim ohrenbetäubenden Krachen eines Donnerblechs erzeugen.

Koloraturen, Sprechgesänge, leidenschaftliche Arien oder Liebeserklärungen – all das kann man in Mortazavis Spiel entdecken, sogar Skalen, Melodien und das Thema von Mozarts „Kleiner Nachtmusik“ entlockt er seinem Instrument. Auf jeden Fall muss man staunen, wie orchestral das alles klingt: Manch eine Percussion-Gruppe bräuchte zum Erzeugen der Sounds ein ganzes Arsenal an Instrumenten, vom Regenstab bis hin zum Tamtam, von der Snaredrum über Congas bis zur Guiro – Mohammad Reza Mortazavi kommt mit jeweils nur einem Instrument aus.

Unzählige Rhythmen überlagern sich bei seinem Spiel, komplex und virtuos sind die Abläufe, die optisch völlig unspektakulär und zurückhaltend wirken. Kaum erstirbt eine musikalische Entwicklung, entsteht bereits Neues, entspinnen sich Werke, die schon mal eine knappe halbe Stunde dauern können.

Eintauchen in andere Welten

Die Zuhörer waren schnell mitgezogen, viele wippten und bewegten sich zur Musik, manch eine hatte sich sogar der Schuhe entledigt, um völlig geerdet am Geschehen teilzuhaben. Auf dieser Reise konnte man in andere, archaisch anmutende, aber kunstvolle Welten eintauchen, Trance und Ekstase waren nicht weit entfernt. Leider erfuhr man so gar nichts über den Künstler oder die Instrumente, denn es gab weder Programmblatt noch sonstige Informationen. Doch das tat der Resonanz keinen Abbruch: In die atemlose Stille beim allmählichen Erlöschen des letzten Titels mischte sich nur noch das Rauschen der Klimaanlage, bevor Jubel und frenetischer Beifall ausbrachen.

von Elke Tober-Vogt