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critic about new solo album CODEX

critic about new solo album CODEX
codex_cover“TROMMELWIRBEL WIE VOM ANDEREN STERN”
critic about new solo album CODEX  in INSIGHT world music magazine

 

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Sie meinen, Sie haben schon alles gehört? Nein, haben Sie nicht! Glauben Sie nicht? Dann warten sie mal bis sie „Codex“ von Mohammad Reza Mortazavi in die Hände kriegen. Dort gibt es 45:17 Minuten lang ekstatischen Trommelwirbel vom Allerfeinsten. Und nur Trommelwirbel. Wie kann ein Mensch bloß so rasant mit den Händen die Tombak bedienen? Und wenn man glaubt, es geht nicht schneller, legt der Iraner einfach noch mal einen drauf. Eine Rhythmusexplosion! Wie vom anderen Stern.

Track 1 startet mit hubschrauberartigen Geräuschen, gefolgt von schnellem, klarem und akzentuiertem Rhythmus, der immer wieder von doppelt so schnellen Schlagfolgen unterbrochen wird. Gegen Ende avanciert das Trommeln zu einer Art Applaus, der mehrmals aufbrandet, so als würde sich Mortazavi ob seiner Leistung selbst auf die Schulter klopfen. Zu Recht. Denn das, was dieser Ausnahmekünstler hier abliefert, ist eine Kategorie für sich.

Track 2 startet spannungsvoll, geradezu erwartungsvoll. Und die Erwartungen werden nicht enttäuscht. Nach einer Minute dreht Mortazavi auf und lässt es krachen. Geschwindigkeit ist sein musikalisch-rhythmisches Elixier. Wen will er antreiben? Galopprennpferde? Tatsächlich hat der klare Sound seiner Trommel etwas von klappernden Hufen, die über einem klangvollen Boden dahinrasen. Am Ende von Track 2 beruhigen sich die Gäule dann etwas und traben vor sich hin, um nahtlos in Track 3 überzugehen.

Auch der hat es in sich, obwohl er bedächtig beginnt. Geradezu plätschernd genießt Mortazavi die Entspannung an der Tombak. Und er hält die ruhige Grundstimmung bei, unterbricht sie aber immer wieder durch rasante Breaks und allerlei kreative Schlagfolgen. Das macht ihm so schnell keiner nach. Ein wohltuender Track, der dem Zuhörer vor Augen – bzw. Ohren – hält, dass man mit einer Handtrommel nicht nur Rhythmus, sondern auch unterschiedliche Töne und Klänge erzeugen kann. Mortazavi schafft es sogar, Effekte zu kreieren, die man eigentlich nur aus der digitalen Musik kennt. Den „Flanger“ etwa, bekommt ein Synthesizer auch nicht besser hin. Und wenn man denkt, man hätte jetzt wirklich alles gehört, überrascht der Rhythmusspezialist in Track 4 und 5 dann doch noch mal. Beim Hören von „Codex“ wird eines glasklar: Kreativität an der Tombak und der Name Mohammad Reza Mortazavi bilden eine logische Einheit.

Das Soloalbum „Codex“ ist Ende März 2013 erschienen. Mit diesem Werk kehrt der 34-jährige Trommelvirtuose zur Tradition der iranischen Musik zurück und haucht ihr modernen Zeitgeist ein. So beruht das Album mit all seinen Variationen, Rhythmusgewittern, Melodien, Polyphonien, Geräuschen und Effekten auf dem wichtigsten Gerüst persischer Kompositionen, dem 6/8-Rhythmus. Unter dem Druck seiner Gegner – den Konservativen – findet Mortazavi mit einer einfachen Handtrommel die Balance zwischen den Gegensätzen. Durch Beschränkung erlebt er Freiheit, durch Schnelligkeit kommt er zur Ruhe.

Auch musikalisch überschreitet er Grenzen, Grenzen des bisher gehörten, Grenzen des bisher Möglichen, seine eigenen Grenzen. Das Album ist über weite Passagen tanzbar, bietet aber auch erzählerische Momente, die Gefühle, Stimmungen und Situationen transportieren. Ingo Ackerschott

Der Autor des Textes, Ingo Ackerschott, lebt und arbeitet als freier Journalist in Mainz.

Homepage: www.ingo-ackerschott.de.

Mehr Infos zum Künstler unter www.moremo.de